Es gibt wenige Bereiche, die für die Zukunftsfähigkeit des Einzelnen und für die der Gesamtgesellschaft von so grundlegender Bedeutung sind wie der Bereich der Bildung. Im Grunde genommen eine banale Erkenntnis. Das weiß jeder, aber vielleicht vermittelt das folgenden Gedankenspiel einen neuen Blickwinkel: Was würde passieren, wenn es gelingen könnte den Bildungsstand der Gesamtbevölkerung um – sagen wir mal – 5% zu erhöhen [1]? Ich persönlich würde Auswirkungen auf Stammtischgespräche und Wählerverhalten erwarten ebenso wie auf das Bewusstsein für klimaschädliches Verhalten. Ich würde positive Auswirkungen im Hinblick auf die Eindämmung von Rechtsradikalismus erwarten sowie auf das Maß von Ausländerfeindlichkeit in der Gesellschaft. … … Jedem wird zu diesem Gedankenspiel etwas einfallen und man kann es ad infinitum und, wie ich finde, mit großem Spaß fortsetzen.
Der Zugang zu Bildung unterliegt oftmals Beschränkungen, die ihn erschweren oder gleich ganz verhindern und damit in diametralem Gegensatz zu der Bedeutung stehen, die Bildung hat. Wissen ist eben immer noch Macht. Zu den angesprochenen Beschränkungen gehören Studiengebühren ebenso wie Lizenzkosten, die für die Nutzung von Lehr- und Lernmaterialien entstehen. Es sind aber auch Lernbedingungen zu nennen, die das Interesse und den Spaß am Lernen gar nicht erst aufkommen lassen oder im Keim ersticken.
Open Educational Ressources folgt einem Konzept, das zunächst im Softwarebereich entstanden ist. Freie Software garantiert ihren Benutzern vier Freiheiten: 1. die Freiheit die Software für jeden beliebigen Zweck, für den sie ihm geeignet erscheint, zu nutzen. 2. die Freiheit sie zu studieren und sie zu verändern. 3. die Freiheit sie lizenzkostenfrei weiter zu geben und letztlich 4. die Freiheit auch die veränderte Versionen lizenzkostenfrei weiter zu geben [2]. Diese Freiheiten vererben sich in der Regel auf alle veränderten, modifizierten und abgeleiteten Versionen.
Die Cape Town Open Education Declaration [3] schägt mit Ihrer Anregung an die Adresse der Autoren und Verleger von Bildungsmaterialien genau diese Richtung ein. Sie regt an Ressourcen frei zugänglich zu machen. Außerdem sollten die Lizenzbedingungen die Nutzung, Veränderung, Übersetzung, Verbesserung, und Weitergabe des Materials ermöglichen [vergl. 3]. Die Parallelen zu [2] sind unübersehbar.
Außerdem ermuntert die Deklaration alle Beteiligten „frei zugängliche Bildungsmaterialien zu erstellen, zu benutzen, oder zu verbessern; Praktiken umzusetzen, die auf offener Kollaboration und gemeinsamer Erschließung von Wissen als Teil der Lehre basieren; Freunde und Kollegen einzuladen, an der Bewegung teilzunehmen.“ [3] Damit wären wir bei einem Offenen Gemeinschaftlichen Entwicklungsprozess, wie er auch in der Entwicklung Freier Software genutzt wird.
Die aufgezeigten Parallelen beruhen auf der Tatsache, dass Freie Software und OER die Gemeinsamkeit haben, dass sie digitalisierbar sind - sowohl die Software als auch die Bildungsmaterialien. Damit können sie kostengünstig vervielfältigt und verteilt werden und die gemeinsame Bearbeitung und Entwicklung erfordert keinen großen finanziellen Aufwand. Neben dem meist schon vorhandenen Computer mit Internet Zugang muss lediglich die eigene Zeit eingesetzt werden. Damit sind wichtige Grundvoraussetzungen für einen Offenen Gemeinschaftlichen Entwicklungprozess vorhanden.
Auf [4] wird eine Zusammenfassung unterschiedlicher OER-Definitionen nach Geser (2007) zitiert in der im Hinblick auf Lizenzfragen nur benannt wird, dass „Inhalte weniger restriktiv für die Weiterverbreitung zu Bildungszwecken lizenziert werden, so dass sie nach Möglichkeit verändert, kombiniert und in anderem Zusammenhang wiederverwendet werden können.“ Das wäre mir für OER deutlich zu wenig. „Weniger restriktiv“ reicht nicht aus. Das heißt nicht, dass weniger restriktiv aber nicht komplett frei lizensierte Bildungsmaterialien nicht für Lern- und Lehrzwecke genutzt werden sollten. So lange Bildungsmaterialien aber nicht an den eigenen Bedarf angepasst und verändert werden können UND in dieser veränderten Form lizenzkostenfrei weiter verteilt werden dürfen sind sie eher ungeeignet dafür „Praktiken umzusetzen, die auf offener Kollaboration und gemeinsamer Erschließung von Wissen als Teil der Lehre (und des Lernens - d. Verf.) basieren.“ [3]
Damit ist die eine Seite meines Verstehens von „offen“ in Open Educational Ressources geklärt. Offen hat aber für mich mehr Facetten, wenn es um OER geht. Wenn es das O nicht gäbe gäbe - über Educational Ressources ohne O würden wir in anderen Zusammenhängen diskutieren und nicht mit dem Timbre des Aufbruchs und des Neuen.
Die Lizenzierung ist die Grundlage für die Hoffnungen und Visionen, die man mit OER verbinden kann. Sie reicht aber alleine nicht aus. So lange die potentiellen Nutzer von OER trotz einer freien Lizenz an Zugangsbarrieren scheitern, die z.B. darin begründet sind, dass sie OER für ihr Bildungsanliegen nicht finden (selbst wenn es sie gäbe) oder nicht in der Lage sind es sachgemäß zu nutzen.
Das Auffinden von OER im Internet ist leider nicht so einfach. Es erfordert Kenntnisse, die über die rudimentäre Bedienung von Google hinaus gehen. Es gibt durchaus Suchdienste für OER wie z.B. DiscoverEd [5] aber es gibt kaum etwas in deutscher Sprache womit die Offenheit nicht von denjenigen genutzt werden kann die Englisch erst noch lernen müssen und sei es mit Hilfe von OER.
Mein Vorschlag ist hier ein wohl strukturierter Katalog (Internetportal) in deutscher Sprache, der die Ressourcen hierarchisch nach Fachgebieten ordnet (oder taggt) und in dem man sich nach seinen Interessen analog dem System eines Bibliothekskatalogs vom Allgemeinen zum Spezielleren durchhangeln kann bis man ggf. das gefunden hat, was man lernen möchte.
Die einzelnen OER-Datensätze/Eintragungen des Katalogs sollten nach einem verständlichen und einheitlichen Schema, z.B. durch Pictogramme, Informationen darüber vermitteln welcher Lizenz die Bildungsmaterialien unterliegen und welche Freiheiten sie ihrem Benutzer gewähren. Ebenso verständlich sollten sie Informationen darüber enthalten an welche Zielgruppe sie sich wenden und welche Vorkenntnisse jemand haben sollte, der den Stoff bearbeiten will. Schließlich sollten Nutzer, die mit den Materialien der jeweiligen OER arbeiten in einem an den Datensatz gebundenen Forum ihre Erfahrungen mit der Ressource veröffentlichen und die Qualität der Ressource bewerten können. Das wäre außerdem ein Weg über den Menschen, die aktuell die selben Materialien bearbeiten bzw. diese Materialien in der Vergangenheit bearbeitet haben, miteinander in Kontakt kommen könnten um sich gegenseitig zu unterstützen oder gemeinsam die Materialien weiter zu entwickeln.
open-learning.net experimentiert mit seinem Lernbaumwiki [6] an so einer Stelle. Für den von mir vorgeschlagenen Katalog schwebt mir eher ein von einer Community getragenes und moderiertes Portal vor bei dem die Community sich Regeln gibt nach denen sie Entscheidungen zur Entwicklung des Portals trifft, wie es etwas das Debian-Projekt mit der Debian-Verfassung macht. [7]
Nur wenn das „Offen“ auch „offen und leicht zugänglich“ für Jeden und Jede bedeutet hat OER eine wirkliche Chance auch solche Menschen zu erreichen, die dem öffentlichen und offiziellen Bildungssystem bereits entwachsen sind. Das finde ich aber sehr wichtig.
Die sachgemäße Nutzung von einzelnen OER ist nicht immer trivial und es wird nicht in jedem Falle möglich sein eine solche sachgemäße Nutzung über einen Online-Support zu ermöglichen. Die persönliche und gegenseitige Unterstützung beim Lernen, bei der Nutzung von Lernmaterialien, bei der Recherche von Lernwegen ist einer der wesentlichen Punkte des Konzeptes von open-learning.net. [8] Ziel von open-learning.net ist es Lerninseln zu eröffnen in denen sich Menschen unter dem Motto: „Lern doch was Du willst!“ treffen und gegenseitig beim Lernen unterstützen können.
„Der fundamentale Akt von Freundschaft unter denkenden Wesen besteht darin, einander etwas beizubringen und Wissen gemeinsam zu nutzen. Dies ist nicht nur ein natürlicher Akt, sondern es hilft die Bande des guten Willens zu verstärken, die die Grundlage der Gesellschaft bilden und diese von der Wildnis unterscheidet. Dieser gute Wille, die Bereitschaft unserem Nächsten zu helfen, ist genau das, was die Gesellschaft zusammenhält und was sie lebenswert macht.“ Richard Stallman [9]
Und deswegen ist es wichtig an allen Stellen an denen sich eine Gelegenheit dazu ergibt möglichst viele Bildungsbarrieren zu schleifen. OER ist eine Chance dazu wenn das „Offen“ in allen möglichen Facetten verwirklicht wird. Nur dann wird sich daraus eine breite Zusammenarbeit entwickeln können, die auch gesellschaftlich etwas bewirken kann.
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[1] 5% gemessen an einem erwarteten Rückgang der Auflagenzahl eines bekannten deutschen Boulevardblattes.
[2] http://www.gnu.org/philosophy/free-sw.html
ebenda: „Free software is a matter of liberty, not price. To understand the concept, you should think of free as in free speech, not as in free beer.“
[3] http://www.capetowndeclaration.org/translations/german-translation
[4] http://de.wikipedia.org/wiki/Open_Educational_Resources
[5] http://discovered.creativecommons.org/search/
[6] http://lernbaum-wiki.open-learning.net
[7] http://www.debian.org/devel/constitution.de.html
[8] Leider fehlt es hier immer noch an den notwendigen Mitteln zum Start eines Pilotprojektes.
[9] zitriert nach: http://freie-software.bpb.de/
Beitrag wurde am 22.02.2010 vom Verfasser bearbeitet



